Wie mir ein Notizbuch dabei half, meine Masterarbeit zu schreiben

Mein Material, um eine Masterarbeit daraus zu stricken.
Mein Material, um eine Masterarbeit daraus zu stricken.

 

Ich räume das Regalfach leer, das mit meiner Fachliteratur vollgestopft war. Jetzt habe ich also meine Masterarbeit fertig geschrieben und abgegeben. Zwischen den Büchern steckt mein Notizbuch. Hochtrabend könnte man es wissenschaftliches Journal nennen. Es war mein wichtigster Helfer beim Schreiben der Masterarbeit. Wenn ich jetzt darin blättere, dann wird mir der verrückte und vor allem lange Weg bewusst, den wir gemeinsam gegangen sind. 

Mein treuer Wegbegleiter.
Mein treuer Wegbegleiter.

 

Irgendwann im Jahr 2016 hatte ich eine Idee, worüber ich meine Masterarbeit schreiben wollte. Es sollte etwas mit Mittelalter sein – damit ich bei meiner Lieblingsprofessorin meinen Master machen kann. Und weil mich meine DDR-Biografie beschäftigte, sollte es auch damit zu tun haben.

 

 

So steht auf der ersten Seite des Notizbuches der Titel: Das Mittelalter hat ausgespielt. Die DDR-Geschichtswissenschaft und ihr Umgang mit einer ungeliebten Epoche. Unter dieser Überschrift habe ich meine Ideen im März 2017 bei einem Kolloquium an der FernUni Hagen vorgestellt. Ich wollte mein Thema durch ein universitäres Lehrbuch aus der DDR als wesentliche Quelle bearbeiten. Es gab heftige Diskussionen. Diese sind stichpunktartig im Notizbuch festgehalten. Zum Beispiel Fragen wie diese: Wie läuft die DDR-Geschichtswissenschaft? Was will das Lehrbuch und was macht die Wissenschaft tatsächlich? Wie verraten die „klugen“ DDR-Leute ihr eigenes Lehrbuch? Diese Diskussionen zeigten mir zweierlei: das Thema gibt was her. Und es bedarf noch mehr Arbeit, bis aus meinen Ideen ein machbares Konzept entstehen kann.

 

 

 

Ich blättere ein paar Seiten weiter und finde Nummern und Notizen. Die stammen von meinem Besuch im Bundesarchiv Berlin. Das bewusste Lehrbuch für deutsche Geschichte war ein Großprojekt. Die ausführlichen Dokumente der Vorarbeiten, Diskussionen, etc. zu diesem Lehrbuch findet man im Bundesarchiv. Das meiste war auf Microfiche archiviert, ich habe mir seitenweise Zeug ausgedruckt. Im Notizbuch sind die Listen dieser Drucke samt der entsprechenden Signaturen. Damit ich das später noch zuordnen kann. Auch vergilbte Post-Ist kleben dort.

 

2017 ist lange her. Es war auch das Jahr, an dem bei meinem Sohn die Ernährung umgestellt wurde und ich mich zur Diätassistentin verwandelte. Also nicht unbedingt ein Jahr mit sehr viel Luft, um die Masterarbeit vorzubereiten. Immerhin finden sich im Notizbuch Überlegungen, die sich auf das Archivmaterial beziehen und Notate zu meinen thematischen Lektüren. Ich versuche, meine Erkenntnisse über die Arbeitsweise der DDR Geschichtswissenschaft für mich in Bilder zu fassen. So notiere ich mir: Die Geschichte des Mittelalters ist wie ein Tonkrug, sie neu schreiben heißt, diesen Krug zu zerschlagen. Neues aber entsteht daraus nicht. Die Scherben werden mit dem Kitt des Marxismus-Leninismus zusammengehalten, die Form ähnelt dem, was man zu zerschlagen dachte.

Notizen, während der Recherchen im Bundesarchiv Berlin. Und ein vergilbter Post It-Zettel!
Notizen, während der Recherchen im Bundesarchiv Berlin. Und ein vergilbter Post It-Zettel!

 

2018 geht es erst im Herbst richtig weiter, da finden sich Aufgabenlisten, Kopierlisten, Aufzeichnungen zum Arbeitsstand und zur Arbeitsweise. Das erste Halbjahr 2018 hatte ich mit einem Recherche-Auftrag und der letzten Prüfung vor dem Master gut zu tun. Im Sommer fing ich meine neue Arbeit als Quereinsteigerin in einer Schule an. Es wäre gut, wenn ich den Masterabschluss bald machen könne, hieß es. Und ich wollte das Fernstudium auch gerne von der Backe haben. Aber der neue Job forderte mich sehr und ich schaffte wenig. Damit ich überhaupt sehen konnte, dass es vorwärts geht, fing ich an, im Notizbuch eine Art Tagebuch zu schreiben. 16.1.2019: Müde, Karl Marx piept mich an. Habe Literatur bestellt in Hagen. Aber wann soll ich die lesen?

 

Mir wurde klar, dass ich in diesem, meinem ersten Schuljahr die Masterarbeit nicht schreiben konnte.

 

 

Dann ging mein Laptop kaputt. Alle Daten, die ich schon für die Masterarbeit eingefüttert hatte, waren unerreichbar. In diesem Moment rettete mich das Notizbuch. Es hielt die wesentlichen Dinge verlässlicher fest, als mein Computer es konnte. Ich machte eine Liste dessen, was ich jetzt auch ohne Laptop tun konnte. Und das war erstaunlich viel. So arbeitete ich unverdrossen weiter, bis die Datenrettung mir meine Vorarbeiten zurückgab. Seitdem sicherte ich alles dreifach: auf dem neuen Laptop, auf einer externen Festplatte und ein einer Cloud.

Liste dessen, was ich tun kann, auch wenn mein Laptop kaputt gegangen ist...
Liste dessen, was ich tun kann, auch wenn mein Laptop kaputt gegangen ist...

 

Ich arbeitete auf eine erneute Präsentation beim Kolloquium im März 2019 hin. Das war nicht leicht, es fehlt mir die Spannkraft. Im Notizbuch finden sich entsprechende Selbstermunterungen: Dem Gefühl nach bin ich nun an einem Punkt, wo es sich entscheidet. Wenn ich beim Kolloquium etwas vorstellen will, dann muss ich ab jetzt sehr konzentriert arbeiten. Das fällt mir schwer, Konzentration und Kraft fehlen. Ich könnte die Präsentation auch absagen. Diese Präsentation wäre ein wesentlicher Schritt hin zum Beginn des eigentlichen Schreibprozesses. Durch das schreibende Nachdenken darüber im Notizbuch bekam ich neue Kraft und konnte noch am selben Tag hinzufügen, dass das Konzept für die Präsentation im Rohzustand steht. Yeah.

 

 

 

Das hatte also geklappt, ich stellte im März mein Thema vor. Inzwischen war alles konkreter geworden. Ich wollte Mittelalterbilder der DDR Geschichtswissenschaft in Handbüchern untersuchen, am Beispiel von zwei konkreten Herrschern. Zum Lehrbuch war ein weiteres Handbuch als Quelle dazu gekommen. Die Diskussionen nach meinem Vortrag waren wieder lebhaft. Aber diesmal wurde klar, dass mein Thema inzwischen solide aufgestellt ist. Die vielen Hinweise halfen mir sehr, alles weiter zu optimieren. Im April machte ich trotzdem gar nichts am Master. Im Mai gibt es wieder Notizen und ToDo-Listen. Im Sommer 2019 starben zwei Kommilitoninnen an Krebs. Die Trauer ist groß, doch im Notizbuch findet sich dazu wenig. Mir fehlten die Worte.

 

 

 

Im Herbst sollte es endlich ernst werden. Ich beantragte die Zulassung zur Masterarbeit und musste dazu alle absolvierten Prüfungen nachweisen. Das Zusammenstellen dieser Scheine zeigte mir, wieviel ich schon geschafft habe. Das machte Mut. Es wäre ja gelacht, wenn ich den Endspurt nicht auch hinbekommen würde. Aus Motivationsgründen listete ich die geschafften Prüfungen im Notizbuch auf. Ich reichte ein endgültiges Exposé bei meiner Professorin ein, das Thema, Vorgehen und Aufbau der geplanten Masterarbeit beschreibt. Grundlage für dieses Exposé war meine Präsentation vom März.

 

 

 

Im November 2019 beginne ich mit dem ernsthaften Schreiben. Das Thema lautet nun: Geschichte neu schreiben? Das Bild mittelalterlicher Herrscher in Handbüchern der DDR-Geschichtswissenschaft am Beispiel Otto I. und Friedrich I.

 

Ich bekomme von der FernUni meinen Abgabetermin: 3.6.2020.

 

Ab jetzt zeugen die Erfolgsprotokolle im Notizbuch vom Schreibprozess. Das Datum und eine kurze Notiz, was ich gemacht habe. So helfe ich mir selbst dabei, den Fortschritt zu dokumentieren. Es ist tatsächlich so, dass kleine Schritte weit tragen. 11.12. Erste zwei Absätze für Kapitel 2.3 geschrieben. 12.12. Kapitel 2.3 fertig. 15.12. Ergänze Kapitel 2.3 / Überarbeiten.

 

Ich kringle die Tage ein, an denen ich am Master gearbeitet habe. Mein Ziel ist es, nicht mehr als zwei Tage hintereinander ohne Kringel zu lassen. Es ist schwer, Arbeit, Familie und Masterarbeit zu schaffen. Ich bin oft sehr erschöpft und die Nerven liegen blank. Ich komme mir vor, wie in einer permanenten Prüfungssituation. Doch die Fortschritte, die ich im Notizbuch protokolliere, helfen mir.

Das Schreiben beginnt, ich halte jeden Schritt fest und kringle jeden Masterarbeitstag ein: Erfolgstagebuch.
Das Schreiben beginnt, ich halte jeden Schritt fest und kringle jeden Masterarbeitstag ein: Erfolgstagebuch.

 

Das bevorstehende Kolloquium im März lässt mich aufleben. Solche Begegnungen sind die großen Kraftquellen im Fernstudium. Doch dann kommt ein neuartiges Virus, Corona genannt, dass alles auf den Kopf stellt. Das Kolloquium wird abgesagt. Auch die Schulen werden geschlossen. FernUnterricht ist angesagt. Die Fächer werden beschränkt, für mich gibt es dadurch etwas weniger zu tun. Ich sitze zu Hause, genieße am Anfang die ungewohnte Ruhe und schreibe an der Masterarbeit weiter. Im Notizbuch steht: Gibt es jetzt in Zeiten der Pandemie etwas Sinnloseres, als sich der Masterarbeit zu widmen? Es ist sinnvoll und mächtig und stark, denn in dem ich kontinuierlich daran weiter arbeite / schreibe, sage ich: es kommen Zeiten, in denen die Masterarbeit wieder wichtig ist. Wo das zählt. Und indem ich daran schreibe, drücke ich meinen Glauben aus: diese Ausnahmesituation geht vorbei. Ich arbeite für die Zukunft. Und nutze Ruhe und Zeit, die Corona mir schenkt.

 

 

 

Manchmal geht mir die Masterarbeit auch gehörig auf den Geist. Ich fühle mich mit ihr zusammen eingesperrt und sie ist kein besonders netter Zellengenosse. Eher aufdringlich und ständig Aufmerksamkeit fordernd. Im Notizbuch setze ich das Erfolgstagebuch fort. Hier finden sich auch Zitate, die es nicht in die Masterarbeit schaffen. Am liebsten habe ich das hier von Walter Ulbricht: „Unsere Geschichtsforscher befassen sich zu sehr mit der Vergangenheit.“

 

 

 

Von der FernUni bekomme ich wie alle Masterschreiber an meiner Fakultät eine Verlängerung von sechs Wochen gewährt. Wegen Corona. Das entspannt die Lage erheblich. Ich kann etwas gelassener arbeiten. Abgabetermin ist nun der 15.7. Ich will trotzdem eher fertigwerden und abgeben. Eine Freundin vom Fach liest im Mai die Masterarbeit Korrektur. Dann gehe ich in die Endrunde und überarbeite, korrigiere, formatiere und versuche, nicht durchzudrehen. Im Notizbuch gibt es eine letzte ToDo-Liste vom 10.6. Fußnoten polieren, Überschriften korrigieren, mit der Druckerei sprechen…

 

Am 18.6. geht die Datei zur Druckerei. Am 23.6. schicke ich die Exemplare an die FernUni. Es ist geschafft. Was für ein Marathon.

 

 

 

Das Notizbuch hat noch einige freie Seiten. Die werde ich füllen, wenn ich mein Ergebnis bekommen habe. Doch das Happy End steht schon fest: Ich habe es geschafft!

Die allerletzte ToDo Liste!!!
Die allerletzte ToDo Liste!!!

P.S. Doreen hat mich im Frühjahr 2019 zu meiner geplanten Masterarbeit befragt: Hier.

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Kommentare: 2
  • #1

    Erika (Freitag, 31 Juli 2020 07:13)

    Ein sehr persönlicher Bericht, liebe Lucia, für den ich dir danke. Eine Herausforderung ist geschafft und ganz sicher wird deine Arbeit entsprechend gewürdigt werden.
    Die Stelle, an der dein PC seinen Geist aufgegeben hat, berührte mich besonders. Den Schreck kann ich gut nachvollziehen, doch du hattest deine handschriftlichen Notizen, die dich sozusagen erstmal gerettet haben. So ein schönes Plädoyer für ein (Notiz)Buch.
    Ein schönes Wochenende wünsche ich dir !
    Erika

  • #2

    jahreszeitenbriefe (Dienstag, 11 August 2020 18:17)

    Toll, deine Arbeitsweise und dein Arbeiten nochmal so gut nachvollziehen zu können. Du hast es geschafft, trotz aller eingetretenen "Umstände". Kannste dich nun doch noch etwas entspannen, bevor die Schule wieder losgeht. Und das Notizbuch darf noch ne Weile bleiben... Herzlich grüßt Ghislana